TURN OF THE ERA | 11.11.2011 - 26.11.2011 & 02.01.2016 – 31.03.2016

Das ungleiche Künstlerpaar spielt mit Zuckerbrot und Peitsche. Einerseits wird der Untergang beschworen, anderseits bieten sie im gleichen Zug lächelnd die helfende Hand an. Sie legen nicht dar, ob sie es nun ernst meinen oder nur mit unseren Ängsten spielen. Dies mag einerseits aus der Konstellation ihrer Zusammenarbeit entstehen, aber es steckt mit Sicherheit ein Funke Wahrheit von beiden, in beidem. Sie stützen sich auf Tatsachen, welche seit Monaten in aller Munde sind, aber wobei niemand weiss, ob man nun Angst haben muss oder einfach mal abwarten soll. Sie nehmen diese Entscheidung vorweg, indem sie den Zeitpunkt von den vagen Prognosen in ein handfestes Datum verwandeln und schicken sich dann an, mit ihrer Ausstellung den schweren Moment der Trennung vom Alten so angenehm wie möglich zu machen. Soll man ihnen glauben?

Ein Grundthema der Ausstellung ist sicherlich die Frage nach Ursprüngen, nach Wirklichkeit und Fehlglaube. Dies ist in den Exponaten selber sichtbar, welche den Kitsch als Medium einer versteckten Authentizität gegenüberstellen. Viele Werke beweisen ihren Wahrheitsgehalt erst auf den zweiten Blick, während die Oberfläche offensichtlich irrige Botschaften vermittelt. Eine Jesusfigur folgt klaren Regeln der Wiedererkennbarkeit, ikonografische, sowie physiognomische. Bruno Stettler und Philipp Hänger haben sich aber nicht einfach für die einfache Kopie entschieden, sondern einen Abdruck von der dem gesuchten Abbild am nächsten stehende, lebende Person. Die “Echtheit” einer Jesusstatue ist einfach anzuzweifeln, sie gar als Kitsch anzuklagen, ist ebenso einfach geschehen. Die hinter dem Werk versteckte, unbestreitbare Echtheit eines Bruno Würtenberger ist trotzdem da und spielt diesem Gedanken entgegen. Seine Anwesenheit an der Eröffnung der Ausstellung zeugt davon. Kitsch versucht immer, auf der Oberfläche echt wirken zu lassen, was nicht echt ist. “Turn of the Era” zeigt dagegen das umgekehrte Trompe-l’oeil. So ist das oberflächliche Urteil immer ein Irrglaube, die Wahrheit lauert im Hintergrund und muss erst entdeckt werden. Dies bezieht sich nicht nur auf die spielerischen Elemente der Ausstellung, sondern zieht sich durch die gesamten Werke durch. Kein Kunstwerk ist Kopie, jedes einzelne wurde durch Menschen hergestellt, die sich durch erstaunlicher Hingabe zu und hinter ihrer Arbeit stehen. Jeder Einfluss war gezielt ausgewählt, sodass jedes Werk Produkt eines vielschichtigen Arbeitsprozesses wurde, welcher jedem Werk eine unumstössliche Echtheit verleiht.

Das Geld mag falsch sein, die Maschine ist jedoch echt, der Buchdrucker auch, der weltpolitische Hintergrund ebenso. Solche Konstruktionen rahmenübergreifender Sinnfrage zeigen deutlich auf, wie sehr die Ausstellung auf das Spiel mit der Suggestion, der Ernsthaftigkeit und der Frage nach der Echtheit der Berichte zielt. Wissen die, von was sie reden oder sind wir bloss Zeuge einer Provokation? Sind wir bloss etwas verunsichert oder ist die Bedrohung etwa echt? Man kann den grundsätzlichen Gedanken kaum abstreiten, doch wie sicher nun was genau zutreffen wird, darauf hat niemand eine Antwort. Vielleicht wird sich alles in Luft auflösen, die begonnenen Rettungsversuche führen zum Erfolg und die Krise wird abgewendet. Oder aber wir werden alle Zeugen einer grundlegenden System-Notbremse. Doch auch wenn sich alles als vorschnelle Panik herausstellt, so sind die Forderungen nach Fehlerkorrekturen noch da. Gewisse Probleme stellen sich auch noch, wenn wir nicht mehr am Abgrund stehen und genau davon handelt “Turn of the Era”. Eckpunkte werden angesprochen, ihre Komplexität in Bezug auf Wirklichkeit und Trugschluss hervorgehoben, aber das finale Urteil wird dem Betrachter überlassen. Dieser Frage weicht die Ausstellung zwar bewusst aus, doch die Künstler haben sich ihr gestellt müssen (siehe Interview). Natürlich stellt sich die Frage, ob “Turn of the Era” eine rein politische Ausstellung ist. Die Botschaften sind klar und richten sich an die Gesellschaft und ihre Irrglauben. Diese werden durch den Titel und die Werke selber als obsolet angeklagt und der Ruf nach einer Neuordnung wird laut. Man darf hier nicht vergessen, dass eine solche kunstinduzierte Meinungsäusserung aber auch immer nur das ist: eine Meinung. “Turn of the Era” fordert durch ihre offene Form die Betrachter dazu auf, sich am Diskurs zu beteiligen, die bietet bloss den Rahmen für eine in die Ausstellung eingebettete Suche nach der neuen Form des menschlichen Zusammenlebens.

Gestützt durch die Medienberichte über den Zustand der Weltwirtschaft gibt es dazu allen Grund. In solchen Situationen findet man sich plötzlich in der luxuriösen Situation, die postapokalyptische Welt aktiv mitgestalten zu können. Bruno Stettler und Philipp Hänger bieten dazu nur die Grundlage, den Denkanstoss und vermitteln eine andere, ebenso klare Botschaft: Es wird weiter gehen, es ist nicht zu Ende, schliesslich befindet man sich bloss an einem Wendepunkt, wie es schon mehrfach geschehen ist und es wird mit Sicherheit auch nicht der letzte gewesen sein. Das ist sehr unpolitisch, es ist zutiefst pragmatisch. Bruno Stettler und Philipp Hänger spielen oft mit den Assoziation und Gefühlen, welche mit ihren Objekten verbunden sind, indem sie sich einer Reihe von ikonischen Zeichen bedienen. Geld, Drogen, Religion, alte und neue Götzen, spirituelle Anordungen, Zeichen wie Herzen, Kreuze und so weiter. Dinge, auf die sich die Menschen oft verlassen und als Eckpfeiler ihrer Existenz sehen oder zumindest als Quell der Hoffnung und, falls dies nicht funktioniert, als Flucht aus der Realität. Das Ganze erhält einen Unterton der Ironie aber auch der Anklage, wenn all diese auf ein und demselben Ort versammelt sind. Die Ansammlung ist nicht nur eine Entlarvung der Gesellschaft, sondern schafft auch ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. denn kaum jemand wird frei von all diesen Oberflächlichkeiten sein. Und wenn jeder gleich unter Verdacht steht, ist es das Gewirr nicht mehr zu lösen. Dann gibt es nur noch den Neuanfang.

Moss Cross Eisenblech, Messing, Keramik Umsetzung Saskia Ganther 2011

Moss Cross
Eisenblech, Messing, Keramik
Umsetzung Saskia Ganther
2011

Die Anbetung von Ikonen kann viele Formen haben. Die ursprüngliche Form der Verehrung von Erlöserfiguren mittels Altären ist eine sehr alte, aber bis heute gebräuchliche. Moderne Vorbildfiguren haben andere Versprechen und andere Arten, wie sie angebetet werden. Diese zwei Formen stehen in einer Art Konkurrenzkampf und blieben stets ihren jeweiligen Regeln treu. in dieser Arbeit aber werden beide vermischt und die Ähnlichkeit zwischen religiösen Götzen und Werbeikonen aufgezeigt.

D11, C22, D33 Wasser, homöopathische Essenzen, Glas, Papier 2011

D11, C22, D33
Wasser, homöopathische Essenzen, Glas, Papier
2011

Homöopathische Essenzen von Drogen, in Apothekerflaschen abgefüllt und die als Ampullen in geringen Mengen an der Vernissage ausgegeben wurden. Die Frage nach der Wirksamkeit von alternativer Medizin stehen gegenüber der Funktion von Drogen im Allgemeinen. Inhalt und Ergebnis sind bei beiden stets Gegenstand von Diskussionen. So kann eine Abwendung aus der messbaren Realität durch den Konsum von Betäubungsmitteln eine Erweiterung derer sein oder einfach nur eine naive Suche nach Erlösung. Homöopathie ist ebenfalls eine Form einer bestätigten aber kaum erfassbaren Wirkweise.

Broken Souls Messing, Silber, Glas 300x180x110cm 2011

Broken Souls
Messing, Silber, Glas
300x180x110cm
2011

Wenn flüssiges Metall mit kaltem Wasser in Berührung kommt, ergeben sich unvorhersehbare, meist destruktive Vorgänge. Die seelische Parallele dazu läuft vergleichbar ab. Die drei Herzen sind eine materielle Metapher, die unsichtbare Gefühlszustände ins Licht rückt. Die frei schwebende Anordnung verstärkt diesen Eindruck von einer Seelenwelt.

Jesus, Ray und Bruno W. Holz, Gips, PU-Schaum,Pigmentfarbe 204x101x77cm 2011

Jesus, Ray und Bruno W.
Holz, Gips, PU-Schaum,Pigmentfarbe
204x101x77cm
2011

Eine Jesus-Statue, die nach einem lebenden Vorbild geschaffen wurde. Bruno Würtenberger wurde mittels 3D-Scan digitalisiert und wieder in Form einer Statue überlebensgross repliziert. Seine Person und die der christlichen Ikone verschmelzen so in ein und derselben Figur, welche beide zeigt und keiner von beiden wirklich ist. Die Farbe der Statue enthält Knochenmehl, welche Fragen nach Ursprung und Vergänglichkeit aufwirft.

Bovis 300‘000, Bovis 500‘000 Lackfarbe, UV-Druck auf Leinwand 200x150cm und 200x160cm 2011

Bovis 300‘000, Bovis 500‘000
Lackfarbe, UV-Druck auf Leinwand
200x150cm und 200x160cm
2011

Was sich formal leicht beschreiben lässt, macht nur einen geringen Teil eines Bildes aus. Auch die semantischen Aussagen sind greifbar, analysierbar und können pragmatisch dingfest gemacht werden. Die Wirkung eines Bildes während der Betrachtung jedoch ist nur schwer fassbar. Bei den Bovis-Bildern wird diese Wirkung, die eigentlich durch die betrachtende Person erzeugt wird, Teil des Bildes selber. Der Energiewert, gemessen in Bovis, ist eine Metapher für diese Erfahrung.

Deutscher Franken Heidelberger Tiegel, Pergament, Druckfarbe Performance von Ruedi Staub Masse variabel 2011

Deutscher Franken
Heidelberger Tiegel, Pergament, Druckfarbe
Performance von Ruedi Staub
Masse variabel
2011

Währungen sind nicht nur nüchternes Zwischengut im Tauschhandel, sondern immer auch über ihren Gegenwert Gradmesser für den Zustand einer Wirtschaft, Gegenstand von Glücksgefühlen, Habgier, Neid, Angst und Status. Das Werk bringt dieses Gefüge durcheinander, indem an Ort und Stelle eine Übergangswährung gedruckt wird, die für die Dauer der Ausstellung einen zeitlich begrenzten Zusammenbruch der Wirtschaft simuliert. Der Wechselkurs ist willkürlich, die Auflage theoretisch unbegrenzt, einen materiellen Gegenwert gibt es nicht. Der Anfang vom Ende und auch vom Neubeginn.

The Futures‘ Past Keramik, Lehm, Glas Masse variabel 2011

The Futures‘ Past
Keramik, Lehm, Glas
Masse variabel
2011

Der in dieser Ausstellung thematisierte Aspekt der Zeit kommt hier besonders zum tragen. Was früher heute war ist heute für immer Vergangenheit. Gleichwohl, ist das, was heute ist in der Zukunft selber Vergangenheit. So fliessend diese Zustände anmuten mögen, aus der Vergangenheit gibt es kein Entrinnen ausser dem Vergessen, welches die Existenz durch Verschwinden aus dem allgemeinen Bewusstsein beendet. Diese Arbeit zeigt den Kampf der Menschheit gegen dieses Vergessen und bezeichnet einen unbestimmten Zeitpunkt in der Zukunft, wo die Relikte vor dem Turn of the Era gefunden werden. Die Erde des Sockels stammt aus einer Ausgrabungsstätte, wo Reste bronzezeitlicher Zivilisation mühselig vor dem Verschwinden gerettet wurden.

Bell of Reset Bronze, Eisen, Eichenholz 300x180x110cm 2011

Bell of Reset
Bronze, Eisen, Eichenholz
300x180x110cm
2011

Glocken sind Uhren, weil sie die Zeit anzeigen. Sie tun es aber nicht kontinuierlich mittels Zeigern, sondern beschränken ihre Anzeige auf gewichtige Momente. Sie tun es auch nicht von automatisch, sondern müssen angeschlagen werden. So liegt es in der Macht des Glöckners, den Moment zu definieren, wo das Vorher und das Nachher einen signifikanten Unterschied ausweisen.