Bruno Stettler (BS), Philipp Hänger (PH) und Jonas Egli (JE) am 1.11.2011, in der Lobby des Hotel Greulich, weil Interviews grundsätzlich immer in Hotellobbys stattfinden müssen.

JE: Wie habt ihr euch gefunden?
PH: Über eine Ausschreibung. Bruno hat jemanden gesucht, der einen Schimmelpilz auf seinen Photonegativen züchtet.

JE: Das war aber nicht „Turn of the Era“, oder?
PH: Nein.
BS: Nein. Ich brauchte Schimmel auf Dias. Du hast gesagt, du kennst einen Lebensmittelchemiker, kannst es aber selber auch.
PH: Ich war interessiert, einen derartigen Versuch zu starten.

JE: Also reiner Zufall.
BS: Nein! Gar kein Zufall, Schicksal eher. Ich habe genau die Person gesucht, die er ist.
PH: Wir haben das dann gemacht, und es ist zwar nicht das dabei rausgekommen, was wir gesucht haben, aber dir hat es gefallen.
BS: Auf Negativen ging es nicht, aber auf den Abzügen.
PH: Also das, was wir ursprünglich wollten, das hat eigentlich nie funktioniert.
BS: Den Schimmelpilz haben wir nicht hinbekommen.
PH: Aber das Nebenprodukt war eigentlich viel interessanter.
BS: Kaffee….
PH: So wie‘s eigentlich immer läuft.
BS: Ameisensäure…
PH: Das Nebenprodukt ist immer besser.
BS: Javelwasser….

JE: Und wie seid ihr dann zum Thema von „Turn of the Era“ gekommen? Wo kam das her?
PH: Dann ist irgendwie…
BS: Dann haben wir lange nichts mehr gemacht.
PH: Dann ging es mit den Haiti-Bildern wieder weiter.
BS: Ich hatte diese Strassenbilder, die ich aus dem Bus geschossen hatte. Wir haben die dann zusammengesetzt und 10, 20 Meter lange Bilder produziert.
PH: Und dann kamen die Gipsbilder.
BS: Genau, ich habe damals eine Serie von 12 Sakralbildern in einem Antiquitätengeschäft im Tessin gekauft. Dann hat Jonas (Egli) einen Input gegeben, man müsste was auswechseln, etwas muss geändert werden. Und da dachte ich, der Jesus muss weg, das ist todlangweilig. Also haben wir eine Schicht Gips drübergelegt und angefangen, Jesus durch Elvis zu ersetzen. Das kam wirklich gut.

JE: Ihr habt einfach frei experimentiert?
PH: Die Malerei ist sicher noch drin, das war der Ausgangspunkt.
BS: Wir wollten im Dezember eine Ausstellung machen. Das wurde auf den Frühling und dann auf den Sommer verschoben. Dann hat eine Astrologin empfohlen, am 11.11. auszustellen. Das war im März 2011.
BS: Aber in Produktion waren wir damals natürlich schon eine Weile. (Zu Philipp Hänger) Hey, das musst du erzählen, das mit dem Metall!
PH: Dann, ja…
BS: Wir wollten diese Slow Motion Sache machen, das musst du nun alles erzählen.
PH: Genau, wir wollten flüssiges Metall in einen Behälter giessen und das in slow motion filmen. Ich hab mich dann auf die Suche nach jemandem mit einem Schmelzofen gemacht. Die dachten alle, wir spinnen, das würde explodieren.
BS: Du musst von deinem eigenen Versuch erzählen!
PH: Genau, wir haben zuerst einen Test gemacht im Atelier (lacht).

JE: Mit flüssigem Metall?
PH: Mit Silber. Das ist wirklich schief gegangen.
BS: Total in die Hose (lacht)
PH: Zum Glück haben wir die Temperatur nicht erreicht, wir haben sie so um 200 Grad verfehlt.
BS: Ja. Minimum!

JE: Heisses Metall und kaltes Wasser?
PH: Ja, Silber und ein Aquarium.
BS: Silber, ein Aquarium und eine Kamera. Und dieser Schmelzbehälter. Und das Silber ist nicht geschmolzen.
PH: Dann dachten wir, wir brauchen einen Profi.
BS: Nein, wir haben Aluminium reingetan. Dann ist der Ofen explodiert.
PH: Der Schmelztegel flog in die Luft weil noch...
BS: Wasser
PH: …Wasser drin war. Wir wurden etwas schreckhaft, wenn 1200 Grad heisses Metall im Atelier rumfliegt und dachten, wir holen einen Profi.

JE: Outsourcing.
(beide Lachen)
PH: Aber wir bekamen nur Absagen. Niemand wollte es machen, aber wir bekamen einen Tipp zu einem Kunstgiesser, der schon solche Experimente gemacht hat mit Wasser. Der fand aber auch, wir seien nicht ganz dicht, aber er kenne eine Technik, mit der man das kontrollieren kann.

JE: Er war interessiert, aber hielt euch für Spinner.
PH: Ja.
BS: Was wir uns vorgestellt haben, war völlig unmöglich.
PH: Schon möglich, aber er meinte, was wir nachher als Produkt erhalten…
BS: …wäre uninteressant.
PH: …wären nur so kleine Metallflocken.
BS: Genau, völlig uninteressant.
PH: Wir wollten das giessen und dann mit Licht im Raum inszenieren.
BS: Genau, wir wollten dass wieder zufällig etwas entsteht wie bei früheren Projekten. Irgendeine Information, von der wir nicht genau wissen, was. So mystische Informationen von diesem Zufallsprinzip. Später sind daraus die Metall-Herzen für Turn of the Era entstanden.

JE: Eure Ausstellung mutet aber gar nicht zufällig an. Ist sie gar zielgerichtet und politisch? Der Verdacht ist bei eurem Programm natürlich da.
PH: Nein.
BS: Gar nicht.
(beide denken nach)
BS: Sagen wir, bei der Banknote ist es sicher ein wenig politisch. Aber auch nur dort.
PH: Ich finde nicht, dass das politisch ist.
BS: Es ist auch nicht politisch.
PH: Es ist mehr eine Beobachtung.
BS: Ja, oder ein „Vorwegnehmen“.

JE: Das Beobachten einer politischen Situation.
BS: Eher gesellschaftlich.
PH: Politik ist wie ein Resultat der Gesellschaft. Die Politik will uns….
BS: Oder die Politik will etwas retten.
BS: Wir machen wie einen Zeitsprung, wir springen in eine Zeit, wo Deutschland keine Währung mehr hat und was auch immer passiert ist und sie brauchen jetzt eine Notwährung.
PH: Wir haben nicht die Absicht, eine politische Aussage zu machen.

JE: Aber schlussendlich hat das Thema doch ein wenig diesen Klang im Hintergrund. Notwährung für Deutschland…
BS: Aber, es ist anders.
JE: Was ist es dann? Blosse Ironie?
BS: Es ist … spirituell.
JE: Spirituell?
BS: Ja.
PH: Das ist ein wenig Personen-abhängig. Ich fasse es mehr ironisch auf...
BS: Für mich ist es sehr spirituell.

JE: Ihr seid euch nicht einig?
BS: Nein, nein, wir sind oft nicht einig!
PH (gleichzeitig): Nicht unbedingt einig.
PH: Ich fasse es eher ironisch auf und Bruno…
BS: Wir sind uns nur einig in der Umsetzung der Sachen.
PH: Dieses „Mystische“ ist etwas, was Bruno lebt, ich nicht unbedingt. Aber das wir nicht dieselbe Auffassung haben, war gar nie ein Thema.
BS: Einfach produzieren. Machen, machen, machen. So konnte ich meine seelischen Zustände verarbeiten, als alles plötzlich losging und Japan explodiert ist (Fukushima). Das war schon sehr nah.
PH: Aber natürlich war die Grundschwingung immer da. Das ganze Archaische, das hat mit dem Weltuntergangsthema zu tun und kam von uns beiden. Einfach auf eine andere Weise.

JE: Was kommt nach der von euch angedachten Wende? Habt ihr Forderungen?
BS: Das fängt nicht an und hört auf, der Zeitenwechsel hat bereits stattgefunden und wir sind mittendrin. Da gehören auch technische Wandel dazu. Die Menschheit hat nicht von heute auf morgen ein Handy besessen und angefangen, damit zu telefonieren. Diese Kommunikationssform ist langsam entstanden.
PH: Wir stellen keine Forderungen. Wir haben auch keine Vorstellungen, wie das aussehen sollte.
BS: Doch, ich habe schon Vorstellungen.
PH: Ich sehe das durchaus positiv.
BS: Ja, ich finde das positiv, wenn der Kapitalismus zusammenbricht und es kein Geld mehr gibt und alles neu erfunden werden muss.

JE: Das klingt aber noch nicht wirklich positiv. Ein Änderungsbedarf heisst noch nicht, dass danach alles besser wird, wenn man davon keine Vorstellung formuliert.
PH: Aber das kann entstehen.
BS: Es gibt Bewegungen, die eine Neuauflage der DDR fordern. Also ich finde das gut, wenn alles zusammenbricht.

JE: Der Systemabsturz ist für euch nicht schlecht. Doch es wird auch Opfer geben.
BS: Ich meine es nicht im Sinne der Mayas, wo eine ganze Kultur verschwindet, als totale Zerstörung, aber wenn es zum Beispiel von einem Tag auf den anderen kein Handy und kein Internet mehr gäbe, hätte das immense Vorteile. Man würde wieder mehr mit Intuition und mehr mit Gefühl leben. Es gibt schon heute solche Dinge wie Indigo- oder Kristallkinder.
PH: Was auch immer das ist. Wir haben die Generation „unabhängig“, das liegt an der Technik und dafür bist du ein Musterbeispiel. (beide lachen)

JE (zu Philipp Hänger): Du hast dich da sowieso ein wenig rausgehalten. Wie siehst du das?
PH: Ich sehe es immer noch positiv. Es einfach noch nicht festgeschrieben, was genau passiert oder was sich daraus entwickelt.

JE: Aber die Notwendigkeit ist da.
PH: Wie es anfangs auf der Glocke stand, es ist ein positiver Ausblick, ein Willkommen heissen, sich auf etwas Neues einzulassen und sich Gedanken zu machen über den Umgang mit verschiedenen Dingen.
BS: Man darf das JETZT nicht vergessen, das ist ganz wichtig. Man ist heutzutage permanent nicht im Jetzt, weil man immer hin und her wechselt.
PH: Der Blindtext auf der Glocke sagt genau aus, dass es noch ungeschrieben ist. Das kann man nicht steuern.
BS: Das ist das Problem, dass die Leute nicht mehr im Moment leben.

JE: Sind sie nicht eher nur noch im Jetzt?
BS: Ich glaube nicht, die permanente Ablenkung ist das Problem.
PH: Man ist immer live, aber nie bei der Sache.
BS: Das geht so nicht weiter.
PH: Es ist halt die Frage mit dem Umgang, das muss man erst lernen und verändert das ganze soziale Gefüge.
BS: Permanente Berieselung durch Fernsehen, Internet…
PH: Darum wollen wir den Reset. Ein Anstoss an die Gesellschaft, sozusagen.

JE: Ist das etwas, von dem ihr denkt, dass man es aktiv tun muss, oder dass es ohnehin irgendwann geschieht? Systemabstürze sind selten gewollt.
BS: Ich glaub wenn Politiker die Möglichkeit hätten, den Reset-Knopf zu drücken, dann würden die das in jedem Land tun. Wenn sie könnten.
PH: Für mich ist es die Forderung, dass man einfach mal innehalten soll.
BS: Absolut. Das Innehalten ist wichtig. Der Moment zwischen dem Ein- und dem Ausatmen, ein kurzer Stillstand.
PH: Wir laden die Leute ein, etwas Neues zu beginnen.
BS: Wie beim Computer. Ein Neustart.

JE: Wie sieht eure künstlerische Zukunft aus. Was macht ihr nach eurer selbst heraufbeschworenen Wende?
PH: Das ist unklar, das ist noch Blindtext, wie auf der Glocke. Lorem ipsum.
BS: Lorem ipsum dolor sit amet. Mein Speicher ist ohnehin voll.